Predigt von Leonardo Boff zu Pfingsten 2001
gehalten in der Pfarrkirche St. Bonifatius, Heidelberg

Sie können hier den Text als PDF-Datei herunterladen

Die Predigt bezieht sich unter Anderem auf zwei Schrifttexte im ökumenischen Gottesdienst:
Joël 3, 1-5a (die Ausgießung des Geistes); Lk 4, 14-21 (die geistliche Sendung Jesu)

Bekanntlich ist katholischerseits die Sache mit der Ökumene in der letzten Zeit schwieriger geworden. Die Rigorosität der Einstellungen, die in einer Erklärung der römischen Glaubenskongregation enthalten ist, könnte für manche den Eindruck erwecken, dass alles ökumenische Bemühen auf der Grundlage der Treue zum Evangelium, zu den großen Linien der gemeinsamen Tradition und zum geschwisterlichen Dienst aller Kirchen an der Sache der Gerechtigkeit, des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung im Schoß einer leidenden Menschheit zunichte wäre.

Wir wissen, dass es nicht so ist. Die Einheit der Menschheit und der Kirche ist ein Grundanliegen Jesu Christi, ein Verlangen der Menschheit selbst und ein Teil des Auftrags aller Kirchen.

Wir Katholiken müssen sehen, wie wir uns aus dieser verhängnisvollen Situation zurechtfinden, sicherlich geholfen von anderen Brüdern und Schwestern der verschiedenen Kirchen, die die Ökumene am Herz haben.

Vielleicht kann dieses Pfingstfest und der heutige Text des Evangeliums uns eine Inspiration geben und uns auch dazu helfen, einen Ausweg zu finden. In dem bekannten Bericht der Apostelgeschichte erzählt Lukas, wie der Heilige Geist nicht nur über die Apostelgemeinde in Form von feurigen Zungen herabgekommen ist, sondern dass er auch über die vielen Vertreter der Völker kam, die da waren, so dass sie befähigt wurden, die Heilsbotschaft der Apostel in ihrer eigenen Sprache zu hören. Wir wissen, dass Lukas damit ein Zeichen der eschatologischen Zeit sah, dass die Verwirrung der Sprachen zu Babel gewissermaßen überwunden worden war. Die Vielfalt der Sprachen sollte nicht mehr ein Grund für Trennung und Missverständnis, sondern für Begegnung und Gemeinschaft sein.

Weiterhin legt Lukas Wert darauf, zwölf verschiedene Völker aufzuzählen. Das ist bewusst gemacht. Im orientalischen Denken war jedes Volk einem Zeichen aus dem Tierkreis geweiht. Die Völker, die er zitiert, Parther, Meder, Elamiter usw. entsprechen genau, sogar in der Folge, den Zeichen des Tierkreises. Damit will Lukas andeuten, dass die neugeborene Kirche keine Kirche nur von Juden gebildet sein soll. Von Anfang an, soll sie eine planetarische, aus allen Volkern der Erde ausgemachte und immer ausmachende Kirche sein.

Die Kirche existiert nicht für sich selbst, sondern für die Völker der Erde. Sie nimmt nicht das Zentrum ein, sondern Christus, sein Geist und die Welt. Gott liebt nicht an erster Stelle die Kirchen, sondern die Welt, denn seinen Sohn hat er doch in die Welt hinein geschickt. Und die Kirchen sind dazu da, um gerade in Namen Gottes die Welt zu lieben.

Heute sehen sich die Kirchen einer noch nicht da gewesenen Situation gegenüber, dass die Völker, die nicht mehr die alten Meder oder Parther sind, aber die neuen aus allen Kontinenten, zu einer einzigen Weltgesellschaft zusammenwachsen. Diese so genannte Globalisierung trägt Züge der so genannten Dritten Welt, weil nach Angaben verschiedener Weltinstitutionen von sechs Milliarden Menschen auf der Erde vier Milliarden unterhalb der Armutsgrenze überleben.

Hier herrscht Ungerechtigkeit, systematische Verletzung der sozialen Menschenrechte, Hunger und vorzeitiges Sterben. Dieser schmerzvollen Situation soll auch der kritische Zustand der Erde, als des größten Ökosystems hinzugefügt werden. Die Bedrohungen, die über der Biosphäre lasten, sind bekanntlich sehr gravierend. Dass Erde und Menschheit noch Zukunft haben, ist alles andere als garantiert. Das Maß an Zerstörungsmöglichkeiten sind der Art gestiegen, dass das menschliche Leben und das der anderen Lebensarten dezimiert werden können.

Diesmal steht keine Arche Noachs zur Verfügung, die die Einen rettet und die Anderen untergehen lässt. Entweder retten wir uns alle, oder wir gehen in der Tat zugrunde, wie vor 63 Millionen Jahren die Dinosaurier, nachdem sie über 100 Millionen Jahren auf der Erde souverän geherrscht haben.

Wenn die wirkliche Situation so ist, dann muss man annehmen, dass die allerwichtigste Frage nicht lautet: welche Kirche die wahre Kirche Christi ist, welche nur ekklesiale Elemente hat sondern: Welche Zukunft die Erde und die Menschheit haben? In welchem Maße helfen die verschieden Kirchen dabei, für Erde und Menschheit eine Zukunft des Lebens und der Hoffnung zu garantieren? Herausgefordert ist nicht nur diese oder jene Kirche, herausgefordert ist die ganze Christenheit, sagen wir, das ganze Christentum als ganzheitliches religiöses Phänomen. Diesen Herausforderungen hat die Ökumene zu dienen.

Das Bewusstsein dieses Fragenkomplexes kann die Grenzen der Kirche und die internen Querelen sprengen und uns zur einer Einheit aufrufen, damit wir auf Augenhöhe der Situation gemeinsam kommen.

Der Auftrag des Christentums in der Welt wird damit wach. Wie bei der Erzählung von Lukas in der Apostelgeschichte ist die Kirche an alle Völker gesandt, damit jedes Volk in seiner eigenen Sprache, das heißt, in seiner eigener Kulturwelt, die befreiende Botschaft des Evangeliums hören kann und seine verändernde Kraft spüren kann, die dann die Umwandlung der Lebensbedingungen möglich macht.

In dieser Hinsicht klingt aktuell die Lesung des heutigen Lukas-Evangeliums. Im Stück, das wir gehört haben, trägt Jesus sein Programm vor: er fühlt sich in der Kraft des Geistes gesandt, um den Armen eine gute Botschaft zu bringen, eine Botschaft der Gerechtigkeit und der Befreiung; er fühlt sich gesandt, um den Gefangenen die Entlassung zu verkünden; aktualisierend bedeutet das, die Millionen, die in der Gefangenschaft des heutigen ungerechten und globalisierten Systems, hoffnungslos und resigniert leben müssen, werden wieder hoffen können, weil da vom Evangelium der Geschwisterlichkeit und der Solidarität unter allen neue Alternativen für mehr menschliches Zusammensein entstehen; Jesus fühlt sich gesandt, um den Blinden das Augenlicht zu bringen, das heißt, denen, die noch blind für die perverse Logik des Produktionsprozesses, welcher so viele Millionen und Abermillionen ausgrenzt, eine andere Sicht verleiht, eine Sicht der Kooperation und der Solidarität unter allen, um die Erde und die Menschheit zu retten; Jesus fühlt sich gesandt, um die Zerschlagenen in Freiheit zu setzen, das heißt, die Resignierten und Verzweifelten unter dem Einheitsdenken und den Systemszwängen werden wieder frei und kreativ denken und handeln können; und schließlich: Jesus fühlt sich gesandt, um ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen, das heißt aktualisierend, dass ein neues Paradigma der zwischenmenschlichen Beziehungen, der sorgfältigen Achtsamkeit vor der Schöpfung und der liebevollen Zuwendung zu Gott in Gang gesetzt wird. Wie lange müssen wir noch mit der Gnade Gottes und der Mitwirkung aller Menschen guten Willens arbeiten und kämpfen, damit wir wie Jesus zu sagen wagen: heute haben diese Verheißungsworte des Evangeliums in Erfüllung zu gehen angefangen?

Auf jeden Fall, das erste, was die Kirchen tun können, ist, den Schrei der Armen und der Ausgegrenzten und den Schrei der verwundeten Erde zu hören. Wer taub für dieses Schreien ist, hat nichts vor Gott zu tragen, hat weder Gott zu verkünden noch in Namen Gottes etwas zu sagen.

Folglich müssen die Kirchen sich deutlich auf die Seite der Opfer stellen und mit ihnen in ihren Bewegungen und Initiativen mitmachen in Hinblick auf mehr Gerechtigkeit, mehr Chancen für das Leben, mehr Mitleid vor den Leidenden, seien es Menschen seien es Tiere, mehr Ehrfurcht vor der Erde, als eines lebendigen Superorganismus, Pacha Mama, Nana oder Gaia genannt. Wenn die Kirchen sich für einen solchen Einsatz im Licht des Evangeliums entscheiden, müssen sie auch rechnen, missverstanden zu werden und in verschiedenen Ländern sogar verleumdet und verfolgt zu werden

In dieser Perspektive, Sinn und Zweck der Ökumene reicht weit über den Frieden unter den Kirchen und Religionen hinweg. Sinn und Zweck der Ökumene ist das Programm Jesu, wie im vierten Kapitel des Lukasevangeliums steht, zu verkünden und zu verwirklichen, und damit den Frieden unter den Stämmen der Erde, in Verbindung mit dem ewigen Frieden mit unserem kleinen Haus, das die Erde ist, zu stiften.

Wir müssen davon ausgehen, dass zwischen den Menschen eine fundamentale Einheit besteht, die allen Spaltungen durch Menschen und Christen vorausgeht. Diese gilt vertieft und verstärkt zu werden. Das heißt:

Ein Band der Einheit umschlingt alle Menschen, insofern sie nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen sind.

Ein Band der Einheit umschlingt alle Menschen, die sich mit ihrem Leben und ihrem Engagement persönlich oder als Gruppe für das Reich Gottes einsetzen, das sich verbirgt, aber auch entfaltet unter den säkularen Namen wie Gerechtigkeit, Liebe, Solidarität, Mitleid und Ehrfurcht, Vergebung und Frieden, unabhängig vom Bewusstseinsstand der betreffenden Menschen oder Gruppen und unabhängig auch von ihrer Religionszugehörigkeit.

Ein Band der Einheit umschlingt alle Getauften, die den Namen Jesu anrufen und in seinem Geist in der Nachfolge Jesu stehen. Diese alle bilden die wahre Kirche, als Gemeinschaft der Glaubenden.

Ein Band der Einheit umschlingt alle, die im Namen Jesu und seines Evangeliums christliche Gemeinden leiten und inspirieren, sich dem Dienst an den Anderen widmen und für Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung alles Geschaffenen kämpfen.

Diese genannte Einheit bildet die Grundlage für die Einheit der Kirchen und zwischen den Kirchen. Die Einheit der Kirche zielt ihrerseits ab auf die Stärkung der Einheit unter den Völkern ebenso wie auf die Einheit mit der ganzen Schöpfung und mit der Urquelle allen Seins, das heißt mit Gott.

Diese Art von Ökumene, die das Christentum mit den Völkern und mit der Menschheit in enge Verbindung stellt, fußt auf Spiritualität einer lebendigen Begegnung mit dem Geist, der immer schon früher als der Missionar ankommt, weil er, wie die erste Lesung des Propheten Joel darauf hinweist, über alles Fleisch ausgegossen worden ist. Aufgrund dieser Spiritualität wissen sich die Kirchen im Dienst an allen Männern und Frauen, angefangen mit den Ärmsten und am härtesten Getroffenen, aber auch im Gemeinschaft und im Gespräch mit anderen Trägem von Spiritualität.

Alle haben den Auftrag, die heilige Flamme des Göttlichen ebenso wie des Geheimnisses, die sowohl in jeden einzelnen Menschen als auch im gesamten Weltall brennt, zu entzünden und am Brennen zu erhalten. Ohne diese heilige Flamme werden wir weder das Leben retten noch der Menschheitsfamilie und ihrem gemeinsamen Haus, der Erde, eine hoffnungsträchtige Zukunft eröffnen können.

Zur Erreichung dieses messianischen Zieles ist jede Art von Ökumene wünschenswert und jede Art von Synergie unerlässlich. Dass der Pfingstgeist uns dies alles gewähren kann. Amen.

Heidelberg, am 4. Juni 2001
Leonardo Boff